Verkanntes Mauerblümchen? OWL im Fokus der Medien

Verkanntes Mauerblümchen? OWL im Fokus der Medien

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Bei Veranstaltungen in der Region sowie in regionalen Medien wird regelmäßig thematisiert, dass die Region Ostwestfalen-Lippe Menschen, die anderswo leben, oft kein Begriff ist. Herford, Detmold, Paderborn und Lemgo – alles tiefste Provinz und Bielefeld gibt’s ja sowieso nicht. Die Ostwestfalen und Lipper selbst sind davon überzeugt, dass niemand sie kennt und steuern mit Aktionen wie „Das kommt aus Bielefeld“ – einer Initiative der WEGE mbH, Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft Bielefeld – dagegen an. Bei einem BIKONET-Treffen mit Oberbürgermeister Pit Clausen ging es ebenfalls um die Wahrnehmung des Wirtschaftsstandorts Bielefeld jenseits der OWL-Grenzen. Viele Zugezogene – darunter auch die Autorin – gaben zu, von der Vielfalt der hier angesiedelten Unternehmen nicht richtig gewusst zu haben: Kleine Unternehmen, die in ihren Branchen führend sind, Innovationstreiber, Hidden Champions, weltbekannte Konzerne – es ist alles dabei. Nur OWL selbst kommt dabei nicht richtig in den Fokus.

Zahlen und Fakten: Viel los in der Region OWL

Am 22. Juni erschien in der Wirtschaftswoche ein ausführlicher Artikel von Anke Henrich mit dem Titel „Warum in Ostwestfalen-Lippe die meisten Weltmarktführer sitzen“[1], obwohl die Region dünn besiedelt ist und nicht gerade mit hippen Partymeilen und ähnlichem Glamour glänzt. Selbst die Arminia aus Bielefeld spielt nicht mehr in der ersten Liga. Und auch der kurze Ausflug des SC Paderborn in diese Gefilde ist ja schon wieder vorbei, erhält aber gerade etwas nachträglichen Glanz durch den neuen Trainer Stefan Effenberg, der bei seiner Ankunft verkündete: „Ja, ich bin es wirklich.“[2] So verdutzt waren anscheinend die Paderborner darüber, dass es einen waschechten „Promi“ in ihre Stadt verschlagen hat.

Genau diese Haltung scheint auch nach Henrichs Meinung ein Grund für das gefühlte Image-Problem von OWL zu sein. Am Ende ihres Artikels stellt sie fest: „Nur eines steht dem PR-Erfolg der Westfalen noch im Weg: der Westfale an sich.“[3] Denn der leiste viel, rede aber wenig darüber.

Intelligentes Greifen, (c) Universität Bielefeld, CITEC
Intelligentes Greifen, (c) Universität Bielefeld, CITEC

Dabei führt sie in ihrem Artikel wirklich beeindruckende Fakten und Zahlen ins Feld. Zum Beispiel das Spitzencluster „it’s OWL“, in dem 200 Partner gebündelt Forschung und Entwicklung der Industrie 4.0 voran treiben. Die Cluster-Unternehmen machten 2013 mehr als 20 Milliarden Euro Umsatz. Über 200 Unternehmen gründeten sich im Umfeld des Clusters neu. „Technik aus OWL verbreitet sich über die mehr als 700 Niederlassungen der Unternehmen weltweit,“ schreibt Henrich und zählt auf: „Die Hochschulen in Bielefeld, Paderborn, Detmold, Lemgo oder Höxter kooperieren mit Fraunhofer-Instituten und 153 Unternehmen.“[4]

Wissenschaft, Forschung und die Verzahnung mit der Industrie vor Ort

Um mit renommierten Technik-Unis in Aachen, Karlsruhe, Darmstadt und München bei der Gunst der angehenden Studierenden mithalten zu können, lassen sich hiesige Unternehmer einiges einfallen: Sie kooperieren besonders eng mit den Universitäten, um mit der Verzahnung von Theorie und Praxis attraktive Angebote für die Studierenden zu bieten. Beispiel Beckhoff Automation, ganz vorne beim Thema Industrie 4.0 dabei: Das Unternehmen finanziert duale Studiengänge für 90 „Beckhoff-Studierende“. Während sie dreieinhalb Jahre an der FH Bielefeld eine Ingenieurausbildung in Mechatronik/Automatisierung und Wirtschaftsingenieurwesen bekommen, zahlt Beckhoff ihnen den Lohn für Azubis der Metall- und Elektroindustrie. Die Studierenden brauchen sich nicht um die Finanzierung ihres Studiums zu sorgen und der Anschlussjob ist so gut wie sicher. Beckhoff selbst ist auch zufrieden, denn das Unternehmen profitiert von dieser Lösung und deckt mittlerweile rund ein Drittel seines Personalbedarfs auf diese Weise. Die Absolventen dieses Programms identifizieren sich stärker mit dem Unternehmen und bleiben länger.

Als Initiator hinter solchen Initiativen machte Henrich Prof. Dr.-Ing. Jürgen Gausemeier aus, den Vizepräsidenten der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, Vorstand des Heinz Nixdorf Instituts (Paderborn) und des Clusterboards von it’s OWL. Seit Jahren schon ist er dafür zuständig, renommierten Forschern und vielversprechenden Doktoranden die Hochschulen in OWL und die Region selbst schmackhaft zu machen, Unternehmen für Praktikumsplätze, duale Studiengänge und Fördergelder zu gewinnen und Anteile aus staatlichen Fördertöpfen zu ergattern.

Aus der Not wächst die Tugend: Vernetzung bringt Erfolg

Zu Gausemeiers Aufgaben gehört es außerdem, Politiker in der Region, in Berlin und in Brüssel als Unterstützer zu gewinnen und die Öffentlichkeit für die Forschung des Clusters zu begeistern. Zum Glück rennt er dabei offene Türen ein, denn die hiesigen Politiker unterstützen das Cluster hundertprozentig und sind selbst große Vernetzungskünstler. Und dann gibt es noch die unermüdlichen OWL-Marketingstrategen wie Herbert Weber, den Geschäftsführer der Gesellschaft zur Förderung der Region OWL. Ihm verdankt die Region, dass aus dem sperrigen Ostwestfalen-Lippe das knackige „OWL“ und aus der Clusterbezeichnung „Intelligente Technische Systeme Ostwestfalen-Lippe“ das griffige „it’s OWL“ geworden ist. Das „Spitzencluster OWL“ hat sich in der Ingenieurswelt etabliert und ist weltweit bekannt.

Zu all dem kommt, dass es in der Region überdurchschnittlich viele Weltmarktführer und Schwergewichte wie Miele, Oetker und Bertelsmann gibt. Und auch sie holen Netzwerker wie Gausemeier und Weber mit ins Boot. Vernetzung und Zusammenarbeit war in der dünn besiedelten Region weit weg von der Landeshauptstadt Düsseldorf und dem Industriezentrum Ruhrgebiet wohl eine Überlebensnotwendigkeit, resümiert Henrich. Herausgekommen sind Marketing- und Forschungsnetzwerke, Anreize zur Unternehmensgründung und attraktive Angebote für Studierende, um hier her zu kommen.

Wehrmutstropfen für die IT-Stadt Paderborn

Viele der erfolgreichen Unternehmen in OWL gehören zur Technik- und IT-Branche: Der SAP-Lösungsanbieter itelligence, das Software-Haus Diamant, der Händlerverband Synaxon und viele andere, von denen etliche mit dem Spitzencluster OWL verbunden sind.

Traurig stimmen da leider aktuelle Nachrichten aus Paderborn: Der Computerhersteller Fujitsu schließt zum Jahresende 2016 seinen Standort in Paderborn komplett, wie die Neue Westfälische am 20. Oktober berichtete.[5] Betroffen sind 580 Angestellte, für die möglichst sozialverträgliche Lösungen gefunden werden sollen wie ein Wechsel an einen anderen Standort (Augsburg oder München) oder vorgezogener Ruhestand.[6] Am Paderborner Standort werden keine Geräte hergestellt. Der Schwerpunkt ist die Entwicklung von Storage- und Serversystemen. Anscheinend beschloss die japanische Konzernzentrale, diese Bereiche nach Japan zu verlegen und begründet dies laut der Neuen Westfälischen mit starkem Kostendruck, Preisverfall bei Hard- und Software und Währungsschwankungen.

Wincor Nixdorf, Haupteingang in Paderborn, (c) Wincor Nixdorf Pressestelle
Wincor Nixdorf, Haupteingang in Paderborn, (c) Wincor Nixdorf Pressestelle

Einen Tag zuvor, am 19. Oktober, konnten wir in der Neuen Westfälischen lesen, dass Wincor Nixdorf angekündigt hat, vor der Übernahme durch den amerikanischen Mitbewerber Diebold zu stehen.[7] Das Paderborner Traditionsunternehmen ging aus der Siemens Nixdorf Retail & Banking Systems GmbH (1998–1999), der Siemens Nixdorf Informationssysteme AG (1990–1998), der Nixdorf Computer AG (1968–1990) und dem Labor für Impulstechnik (1952–1968) des deutschen Computerpioniers Heinz Nixdorf hervor und prägte die IT-Landschaft der Region fast zwanzig Jahre lang mit. Die Befürchtung, dass der Stadt Paderborn und der Region durch die damit verbundenen Umstrukturierungen viele Arbeitsplätze verloren gehen, gehört nicht in die obige Erfolgsgeschichte. An die 10.000 Arbeitsplätze sind an Wincor Nixdorf gebunden.

Zu hoffen bleibt, dass der Standort in Paderborn nicht völlig an Bedeutung verliert. Denn das wäre schade für die IT-Landschaft OWL.

[1] A. Henrich, „Mittelstand: Warum in Ostwestfalen die meisten Weltmarktführer sitzen“, 22-Juni-2015. [Online]. Verfügbar unter: http://app.wiwo.de/unternehmen/mittelstand/mittelstand-warum-in-ostwestfalen-die-meisten-weltmarktfuehrer-sitzen/11932606.html. [Zugegriffen: 25-Aug-2015].

[2] „Stefan Effenberg landet in Paderborn und sagt: Ja, ich bin es wirklich“, FOCUS Online. [Online]. Verfügbar unter: http://www.focus.de/sport/fussball/bundesliga2/erste-pk-als-bundesliga-trainer-so-willl-cheffe-effe-paderborn-auf-vordermann-bringen_id_5012124.html. [Zugegriffen: 21-Okt-2015].

[3] A. Henrich, ebd.

[4] ebd.

[5] P. Hasenbein, „Fujitsu verlässt den Standort Paderborn: 580 Mitarbeiter betroffen“. [Online]. Verfügbar unter: http://www.nw.de/lokal/kreis_paderborn/paderborn/paderborn/20601070_Fujitsu-verlaesst-den-Standort-Paderborn-580-Mitarbeiter-betroffen.html. [Zugegriffen: 21-Okt-2015].

[6] „Fujitsu will Standort Paderborn schließen“. [Online]. Verfügbar unter: http://www.golem.de/news/server-und-storage-fujitsu-will-standort-paderborn-schliessen-1510-116982.html. [Zugegriffen: 21-Okt-2015].

[7] H. Kosbach und M. Krause, „Amerikaner greifen nach Wincor Nixdorf“, Wirtschaft. [Online]. Verfügbar unter: http://www.nw.de/nachrichten/wirtschaft/20600386_Amerikaner-greifen-nach-Wincor-Nixdorf.html. [Zugegriffen: 21-Okt-2015].

Margarete Keulen
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Bereits seit 2000 ist die ausgebildete PR-Referentin und freiberufliche PR-Beraterin Margarete Keulen in der ITK-Branche tätig und berät verschiedene Unternehmen in der IT, Telekommunikation und Industrie – von kleinen Unternehmen und Hidden Champions bis hin zu Global Playern. Im August 2005 kam sie als Marketing Communications Manager zur Bielefelder SEH Computertechnik GmbH, einem Spezialisten für Netzwerkdruck und USB-to-Network-Lösungen. Sie hat zahlreiche Fachartikel in IT-Medien veröffentlicht und liebt die Herausforderung, komplexe technische Sachverhalte und Themen verständlich und übersichtlich zu kommunizieren.

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